Presse

Hier am Klavier, dort am Saxophon

  • VON WOLFGANG SANDNER 
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung




Rheinpfalz- Ludwigshafen

INTERVIEW: Musiker und Komponist Peter Reiter über Standards und Experimente –

The Trio Trip        Am 4. August 2018 beim Landesjazzfest in Frankenthal

Wo die Reise hingeht bei seinem Auftritt am Landesjazzfest in der Frankenthaler Erkenbertruine, das weiß Peter Reiter selbst nicht so ge- nau. Mit dem Trio Trip wagt er am Samstag, 4. August, ab 20.50 Uhr ein musikalisches Experiment. Wir fragten ihn, wie das aussehen soll.

Erst haben Sie Kirchenmusik gemacht, dann lernten Sie Fagott und wollten Orchestermusiker werden, und dann sind Sie zum Jazz gekommen. Was hat diese Entwicklung vorangetrieben?Ich war eigentlich von Anfang an vom Jazzvirus infiziert. Aber in den 70er- Jahren war es nicht möglich, studier- ter Jazzmusiker zu werden, sondern man musste „was Anständiges“ ler- nen. Und weil ich im Schulorchester schon Fagott gespielt habe, habe ich Orchestermusik studiert.

War die klassische Musik also ein Kompromiss?
(lacht) So würde ich das auch nicht sagen. Klassische Musik hat mich im- mer interessiert und mir großen Spaß gemacht. Die Vorstellung, freier Jazz- musiker zu werden, hatte ich mit 16 oder 17 Jahren nicht. Jazz habe ich aber schon seit meinem 13. Lebens- jahr gemacht. Klassik konnte man studieren, also hab ich das gemacht. Ich mag beides, klassische Musik und Jazz – einfach gute Musik überhaupt.

Es gibt für Sie keine Genre-Grenzen?

Um Gottes Willen, nein! Ich mag auch Blasmusik, Marschmusik, chinesi- sche Musik, afrikanische Musik.

Und sind Sie als aktiver Musiker auch in allen Sparten tätig?
Ich habe mich beim HR-Orchester be- worben, und das ist ein Berufsorches- ter. Da spielt man eben, was aufs Pult gelegt wird.

Aber sie haben ja noch eigene Projekte.

Klar, da mache ich alles Mögliche. Ich habe mal einen Kirchenmusiker ken- nengelernt, dem hat gefallen, was ich mache, und er hat was organisiert. So habe ich viel Kirchenmusik geschrie- ben. Dann habe ich mal ein Orchester- stück geschrieben, eine Art Sinfonie, weil sich die Gelegenheit dazu erge- ben hat. Das wiederum war der Ausgangspunkt für das, was wir mit dem Trio in Frankenthal machen werden.

Beschreiben Sie das bitte näher.

Im Mittelpunkt der Sinfonie steht die mittelalterliche Weltanschauung. Vier Elemente, vier Himmelsrichtun- gen, vier Körpersäfte und so weiter. Das steht alles miteinander in Bezie- hung und hat gemeinsame Eigen- schaften. Dazu habe ich bestimmte musikalische Motive entwickelt, die aus einer Art Codierung entstehen. Die Musiker haben das gelernt und

können das musikalisch anwenden und damit kommunizieren. Beim Konzert machen wir eine imaginäre Reise. Sagen wir, wir starten in Fran- kenthal. Für Bewegung gibt es ein musikalisches Thema. Dann kommen wir an einen Ort, und es gibt ein The- ma, das Verweilen ausdrückt. Sind wir an einem See, gibt es Musik mit dem Element Wasser, bei einem Berg etwas mit Erde. Wenn wir bestimmte Städte erreichen, gibt es Jazzstan- dards dazu. Denken wir zum Beispiel an Paris oder New York, die in vielen

Stücken vorkommen. Da haben wir eine Menge von Stücken, aus denen wir dann spontan etwas auswählen.

Warum haben Sie diesen Ansatz für Ihr Trio gewählt?
Weil ich es unglaublich langweilig fand, immer dieselben Jazzkomposi- tionen von anderen zu spielen. Und die sind ja nicht immer gehaltvoll. Wenn ich einige Jazzkomponisten mit meinen Lieblingskomponisten der Klassik vergleiche, wirkt manches im Jazz ziemlich dilettantisch. Wir

scheuen uns deshalb auch nicht, klassische Themen zu spielen.

Geben Sie mal ein Beispiel, wie das beim Konzert ablaufen könnte.
Wir werden ein freies Intro spielen, um einen Klang und einen Ausgangs- punkt darzustellen. Dann kommt das Fortbewegungsmotiv, die Reise be- ginnt. Einer spielt das Motiv „Osten“, also geht es in diese Richtung, einer spielt das Motiv „Luft“, also fliegen wir. Einer spielt das „Verweilen“-Motiv, also sind wir angekommen.

Ist Ihr Auftritt in Frankenthal die Premiere?
Kann man so sagen. Wobei es nicht die Aufführung eines geschriebenen Werkes ist.

Sie wissen selbst nicht, wie sich Ihre Idee live dann realisieren lässt?
Ja, und es gab auch große Diskussio- nen in der Band, wie es sein wird, kei- ne Stücke festzulegen, sondern sich auf das zu verlassen, was spontan passiert. Aber ich sehe da kein Prob- lem, ich spiele mit den Jungs schon seit mehr als zehn, mit Dietmar Fuhr schon 30 Jahre zusammen.

Könnte es nicht für das Publikum schwierig werden, das Konzept zu er- kennen und beim Hören zu verfolgen?Ich möchte schon, dass die Zuhörer der Idee folgen können, das ist mir wichtig. Ich halte nichts davon, dem Publikum einfach etwas vor den Latz zu knallen.

Also keine vollkommen freie „Geräuschentwicklung“?
Überhaupt nicht. Ich scheue mich nicht, etwas zu spielen, das die Leute kennen. Wenn die Reise nach Buda- pest führt, würde ich auch einen Un- garischen Tanz von Brahms spielen. Und wer ein bisschen musikalisches Ohr hat, wird Themen und Motive wiedererkennen. Wenn eine Balkan- Melodie erklingt, erkennen das die Zuhörer und wissen, wo wir gerade sind. | INTERVIEW: GEREON HOFFMANN

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